Sich stundenlang am Klavier verlieren
[...] Porträt der jungen Münchner Pianistin Silke Avenhaus

Eigentlich schlitterte sie nach frühem Unterricht und Studium am Münchner Richard-Strauss-Konservatorium organisch in die Pianistenlaufbahn hinein. Doch den letzten Schritt tat Silke Avenhaus ganz bewusst. "Es ist wichtig, sich zu dieser Lebens- und Berufsentscheidung durchzuringen, sie klar zu fällen und sich nicht einfach treiben zu lassen, nur deshalb, weil man schon so viel investiert hat." Die mittlerweile 30-jährige, mit zwei Münchner (RSK und Hochschule) und einem US-Diplom (Bloomington) ausstaffierte Pianistin spielt morgen, 20 Uhr, im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz Werke von Soler, Beethoven, Eisler und Bartók.

Schon früh entdeckte die Wiener Blockflötenlehrerin Silkes Begabung, und so kam die Tochter eines Informatik-Professors bereits als Sechsjährige zu einer wirklich guten Lehrerin. "Sie verstand es, meine Begeisterung zu wecken und mir eine gute musikalische und technische Basis zu vermitteln. Außerdem liebte ich sie als Persönlichkeit." Das Klavier nahm schnell eine wichtige Position ein. "Ich habe erstaunlich gerne geübt und konnte mich schon früh stundenlang am Klavier verlieren", schmunzelt die sympathische Musikerin. Silke Avenhaus ist überzeugt, dass die bestmögliche Ausbildung auch die beste Grundlage für einen Karrierestart ist. "Wettbewerbe waren nicht meins. Künstlerische Qualität bringt einen letztlich dahin, wo man hin möchte. Sicher, es gehört auch Glück dazu, zur rechten Zeit die richtigen Leute zu treffen."

Die junge Münchner Pianistin hatte es, avancierte schnell als Duo-Partnerin renommierter Solisten wie Thomas Zehetmair, Irena Grafenauer, Benjamin Schmid oder Quirine Viersen in der Kammermusikszene. Als Schattendasein hat sie diese Funktion nie empfunden. "Im Klaviertrio sind sowieso alle Partner gleichberechtigt. Außerdem habe ich eine starke Affinität zur musikalischen Kommunikation. Ich brauchte den Dialog. Mittlerweile habe ich gelernt, mich mit mir zu unterhalten. Es ist jetzt einfach mehr in mir, aus dem ich schöpfen kann.

Deshalb widmet sich die Künstlerin nun auch verstärkt ihren Soloabenden, sucht gleichwohl den Austausch, die Reibung mit Musikern - Dirigenten, Komponisten, Kollegen - die sie besonders schätzt. Das Marlboro-Festival, für das Andras Schiff sie empfahl, bot besonders fruchtbare Begegnungen. "Was man dort mit und von den Kollegen lernt, ist genauso wichtig wie das Studium."

Auch wenn sich Silke Avenhaus gerade in ihrer Beethoven-Phase befindet - "momentan liegt mir die Klassik wohl wegen der Suche nach Klarheit mehr als die Romantik" - spielt sie trotzdem gerne Bach oder Brahms und nicht zuletzt Modernes. Wilfried Hiller und Jörg Widmann schrieben für die Pianistin, die sich auch auf Ungewöhnliches einlässt und um des aparten Klangeffekts willen die Saiten mit einem Feuerzeug streicht.

Beschwerden von den Mitmietern gelangen nicht zu ihr in den vierten Stock. "Der Vermieter garantierte mir sogar im Vertrag das stundenlange Üben, und die Nachbarn hier in Haidhausen sind sehr tolerant." Gabriele Luster,


Münchner Merkur, 11. April 2000




Vertrauen aufs Gefühl
Ein Stern geht auf: Die Münchner Pianistin Silke Avenhaus spielt heute in der Residenz - und demnächst in der Carnegie Hall

Für einen "aufsteigenden Stern" wirkt sie ausgesprochen normal. Auch nach einem zweiein-halb Stunden langen Gespräch lassen sich bei Silke Avenhaus keine Allüren feststellen. Eher schon die "Natürlichkeit", die ein Kritiker ihr bereits vor Jahren attestierte. Dass sie in der kommenden Saison zusammen mit dem vielfach preisgekrönten Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann und der Geigerin Muriel Cantoreggi als "Rising Star" in verschiedenen europäischen Hauptstädten und - vor allem - in der New Yorker Carnegie Hall präsentiert wird, davon macht sie nicht viel Aufhebens.

Vielleicht auch, wie erst einmal einige andere wichtige Termine anstehen. Zum Beispiel heu-te in München - in der für ungewöhnliche Klavierabende renommierten Reihe "Konzerte in der Residenz" (20 Uhr, Max-Joseph-Saal). Schon die Auswahl der Stücke zeigt, dass es der 30-jährigen Pianistin um Inhalte und nicht um effektvolle Selbstdarstellung geht. Neben zwei Beethoven-Sonaten (Nummer 1 und 2) spielt sie unter anderem die Sonate Nummer 1 (op 1) von Hanns Eisler und die Suite "Im Freien" von Béla Bartók. Ein facettenreiches, anspruchsvolles Programm, das für oberflächliche Brillanz nicht taugt.

Und an der liegt Silke Avenhaus auch nichts. Sie hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Genre befasst, in dem es mehr auf Nuancen ankommt als in jedem anderen: der Kammermusik. Sie spielte etwas beim amerikanischen Marlboro Music Festival und arbeitete bei den dortigen Sommerkursen, die zu den weltweit berühmesten Talent- uns Stil-Schmieden gehören, unter anderem mit der gefeierten Geigerin Hilary Hahn zusammen.

Sie lebt in München - genauer: Haidhausen -, hat hier am Richard-Strauss-Konservatorium und an der Musikhochschule studiert und an der Indiana University in Bloomington weitere Erfahrungen gesammelt. "Von Amerika habe ich ungemein profitiert. Das hat etwas Befreiendes. Die Amerikaner gehen weniger bedeutungsschwer mit Musik um. Wo man hier Interpretation hochhält - was manchmal spieltechnisch sehr hemmen kann -, spricht man dort einfach von "Performance". In Amerika habe sie gelernt, sich mehr auf ihre Intuition zu verlassen.

Lebendigkeit statt Pathos: Das könnte Silke Avenhaus' Credo sein. Musik solle beim Zuhörer "etwas auslösen", darauf komme es ihre an. Bescheidener kann man nicht ausdrücken, was in der Kunst der Töne vielleicht das Schwierigste überhaupt ist.


Roland Spiegel, AZ - München, 12. April 2000










Archiv

Solokonzerte

Kammermusik

Kammermusik mit Tabea Zimmermann

Kammermusik mit Quirine Viersen

Kammermusik mit Antje Weithaas

Portrait Silke Avenhaus

CD-Rezensionen: siehe Recordings